Klima-, Digital- und Bilanzkompetenz – alles wichtig, keine Frage. Aber unternehmerisches Denken darf dabei nicht zu kurz kommen, gerade mit Blick auf die geopolitische Zeitenwende. Deshalb ist es wichtig, dass unter den Talenten auch erfahrene Unternehmer *innen  im Aufsichtsrat vertreten sind.

 

Langer Atem für Aufsichtsräte

Börsennotierte Unternehmen mit hohem Streubesitz haben bisweilen ein Problem: Es gibt wenige Eigentümer und Entscheider, die wie Unternehmer denken. Denn Anteilseigner interessieren sich meist vor allem für die nächste Dividende. Und Vorstände können gelegentlich dazu neigen, nicht über das Ende ihres Vertrages hinauszudenken.

Das kann gravierende Auswirkungen haben, zum Beispiel in Form hoher Ausschüttungen zulasten von Zukunftsinvestitionen. Und solche Investitionen sind derzeit vielerorts besonders wichtig. Schließlich gilt es, die digitale und grüne Transformation voranzutreiben – trotz steigender konjunktureller Risiken nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine.

Unabhängige Aufsichtsräte, die unternehmerisch denken, gewinnen deshalb an Bedeutung. Denn sie sind in der Lage, den Druck kurzfristig denkender Investoren abzumildern. Und sie können Vorstände zu langfristigem Denken anhalten und ermutigen – auch mit Blick auf die geo- und sicherheitspolitische Zeitenwende, die manche internationale Expansionsstrategie infrage stellt.

 

Bilanz- und Fachexpertise – zu viel des Guten?

Ein Blick in die Überwachungsgremien der Dax-Konzerne zeigt jedoch: Echte Unternehmer sind dort eher rar. Es dominieren ehemalige angestellte Manager, Juristen und Wirtschaftsprüfer – ein Trend, der sich nun verstärken könnte. Denn das Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG), das zu Jahresbeginn vollständig in Kraft getreten ist, verschärft die Anforderungen an Aufsichtsräte. So muss nun in der Regel jeweils ein Bilanz- und Rechnungslegungsexperte vertreten sein.

Zugleich drängen Aktionäre verstärkt auf spezifische Kompetenzen, zum Beispiel in Sachen Klimaschutz, Geopolitik und Cybersicherheit. Das macht durchaus Sinn, birgt in der Summe aber die Gefahr, dass vor lauter Bilanz- und Fachexpertise unternehmerisches Denken immer kürzer kommt.

Was tun? Wichtig ist aus meiner Sicht, dass auch erfolgreiche Unternehmer oder Gründer in den Aufsichtsräten vertreten sind. Sie dürfen allerdings keine Feigenblätter sein, die sich einer Phalanx von Spezialisten und schlimmstenfalls Bedenkenträgern gegenübersehen. Denn dann werden mutige unternehmerische Entscheidungen unwahrscheinlicher.

 

 

Experten mit Unternehmer -Erfahrung engagieren

Solchen Tendenzen können Aufsichtsratsvorsitzende allerdings entgegenwirken, indem sie auch bei Experten auf unternehmerische Erfahrung achten. Wirtschaftsprüfer zum Beispiel, die eine eigene Kanzlei aufgebaut haben oder Teilhaber einer größeren Einheit sind. Oder ESG-Experten, die unternehmerisch aktiv sind, etwa als Inhaber einer Beratungsgesellschaft. Auch in den Bereichen Cybersecurity und Digitalisierung gibt es zahlreiche Experten mit eigenen Firmen.

Ein alternativer Ansatz, den einige Aufsichtsräte verfolgen, lautet: Wir holen uns Fach-Experten und ermahnen sie, unternehmerisch zu denken. Ich wäre da vorsichtig. Meines Erachtens kommt es ganz besonders auf eigene Erfahrungen an. Wer noch nie selbst Risiken eingegangen ist und Mitarbeiter eingestellt hat, wird sich schwertun, wie ein Unternehmer zu denken.

Besser erlernen lässt sich Fachexpertise. Das spricht dafür, im Zweifel lieber einen Aufsichtsrat mit unternehmerischer Erfahrung zu engagieren – zumindest, wenn er bereit ist, sich weiterzubilden.

 

Fazit

Wohlgemerkt gibt es keine pauschale Empfehlung, einen goldenen Weg. Welche Aufsichtsräte und vor allem welcher Mix am besten sind, ergibt sich aus den konkreten Herausforderungen des Unternehmens. Aber eines ist für mich klar: Der Aufsichtsrat muss sich des Spannungsfeldes zwischen fachlicher Expertise und Unternehmertum bewusst sein – und genau abwägen, wie beides optimal zusammenkommt.

Und es müssen Freiräume geschaffen werden, um über unternehmerische Strategien nachzudenken und zu diskutieren. Dazu eignen sich zum Beispiel digitale Tools, die für effizientere Abläufe sorgen und die Vorbereitung auf Aufsichtsratssitzungen vereinfachen. Denn dadurch gewinnen Aufsichtsräte kostbare Zeit, um wichtige Veränderungen auf den Weg zu bringen.

 

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personen- und Berufsbezeichnungen auf dieser Seite die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat redaktionelle Gründe und beinhaltet keinerlei Wertung seitens Brainloop.

 

Geschrieben von Daniel Schönwitz


Board,  Good Governance


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