In vielen Unternehmen gilt: Im Zweifel lieber nichts sagen und keine Angriffsfläche bieten. Doch wer allein auf Risikominimierung setzt, verschenkt die Chancen, die authentische Kommunikation bietet.

 

Die diesjährige HV-Saison hat erneut gezeigt, dass Aufsichtsräte unter verschärfter Beobachtung stehen und schnell ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Immer wieder rügen Investoren beispielsweise, dass sie zu viele Mandate angenommen, überhöhte Managergehälter abgesegnet oder Fehlentwicklungen zu spät korrigiert haben.

Was mich dabei stets aufs Neue überrascht: Die Kritisierten halten selten und allenfalls in homöopathischen Dosen dagegen. Ein paar dürre Zeilen hier, ein abgelesenes und erkennbar von Juristen verfasstes Statement da – viel mehr kommt nicht von Deutschlands Aufsichtsräten.

Spötter mögen nun einwenden, das liege daran, dass die Kritik oft berechtigt und stillhalten deshalb die klügste Strategie ist. Das dürfte bisweilen stimmen, ist aber meines Erachtens nicht der Hauptgrund für die Zurückhaltung – genauso wenig wie die Verschwiegenheitspflicht, die viele Aufsichtsräte eng auslegen.

Der Hauptgrund für die kommunikative Abstinenz ist nach meinem Eindruck vielmehr eine ausgeprägte Risikoaversion. Zugespitzt formuliert: Die Angst vor dem Shitstorm führt dazu, dass Aufsichtsräte Kritik über sich ergehen lassen und auch sonst lieber in Deckung bleiben. Diese Haltung sollten sie aus drei Gründen überdenken:

 

Erstens: Wer Risiken meidet, verschenkt Chancen

Um Chancen zu nutzen, müssen Entscheider Risiken eingehen – das gilt auch in Sachen Kommunikation. Und die Chancen, die eine kluge Aufsichtsratskommunikation für Unternehmen bietet, liegen auf der Hand: Aufsichtsräte können dazu beitragen, aggressiven Investoren den Wind aus den Segeln zu nehmen, Akzeptanz für die Strategie zu schaffen und Vertrauen aufzubauen. Es geht also nicht um Selbstinszenierung, sondern um Sichtbarkeit zum Wohl des Unternehmens.

 

Zweitens: Die Erwartungen an Aufsichtsräte steigen

Viele Aufsichtsräte haben in Sachen Professionalisierung große Fortschritte gemacht. Sie sind in den letzten Jahren kompetenter, vielfältiger und fleißiger geworden. Damit ist nicht nur ihre Bedeutung, sondern zugleich auch die Erwartungshaltung gestiegen:
Aktionäre, Journalisten und andere Stakeholder haben ein deutlich größeres Interesse an Aufsichtsräten und ihren Einschätzungen. Das betrifft insbesondere die Chefkontrolleure. Es ist deshalb höchste Zeit, dass sie auch in Sachen Kommunikation weiterentwickeln. Professionalisierung darf kein Stückwerk bleiben.

 

Drittens: Vorstände brauchen Rückendeckung – gerade jetzt

Vorstände müssen derzeit vielfach weitreichende strategische Entscheidungen fällen, die hohes Diskussions- und Konfliktpotenzial bergen – auch auf politischer und moralischer Ebene. Insbesondere die Frage, ob und inwieweit sich Unternehmen sich in Diktaturen engagieren sollten, wird im verschärften geopolitischen Systemwettbewerb zunehmend emotional diskutiert.

Aufsichtsräte als Hüter von Unternehmenskultur und -werten können hier einen wichtigen Beitrag leisten, Entscheidungen und ihre Ambivalenzen glaubwürdig zu erklären.

 

Bitte bleiben Sie authentisch!

 

Muss jetzt also jeder Aufsichtsratschef auf LinkedIn posten, was das Zeug hält? Oder durch die Wirtschaftsredaktionen der Republik tingeln und Keynotes auf Kongressen halten? Natürlich nicht. Niemand sollte jetzt von einem Extrem ins andere fallen.

Zudem gilt es, authentisch zu bleiben und den Vorständen nicht dazwischenzufunken. Regel Nummer Eins lautet deshalb: Aufsichtsräte, bleibt auch kommunikativ bei Euren Leisten. Redet über strategische Grundsatzentscheidungen, ethische Implikationen und unternehmerische Prinzipien, aber nicht über operative Details. Äußert Euch zur Eurem eigenen Gremium, zur Nachfolge von Vorständen und zu Vergütungssystemen, aber nicht über Themen aus dem Verantwortungsbereich des Vorstands.

Auf dieser Basis sollten Aufsichtsratsvorsitzende überlegen, in welcher Form und über welche Kanäle sie Botschaften senden können. Eine Abstimmung mit den Vorständen ist dabei genauso unerlässlich wie Ausdauer. Denn Kommunikation ist ein Dauerauftrag.

 

Geschrieben von Daniel Schönwitz


Aufsichtsrat,  Board,  Gastautoren


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